Nicht alle Orgeln, mit denen Franz Liszt in seinem bewegten Leben - oft nur mehr oder weniger zufällig - in Berührung kam, lassen sich in eine Beziehung zu seinen klanglichen und spieltechnischen Vorstellungen setzen. Mit einigen dieser Instrumente, die auch für die musikalische Stilistik des Orgelbaus seiner Umgebung charakteristisch waren, hat er sich aber nachweislich intensiver beschäftigt. Vor allem die Erfahrungen an der Merseburger Domorgel haben in manchen Orgelkompositionen ihren manifesten Niederschlag gefunden.
Franz Liszts Interesse an der Merseburger Domorgel entzündete sich schon vor ihrer Fertigstellung. Er hat das im Entstehen begriffene Werk im Sommer 1855 mehrfach besichtigt und wurde dabei angeregt, für das Einweihungskonzert eine neue große Orgelkomposition zu schreiben. Über den Gang der Dinge sind wir durch die Korrespondenz mit der Fürstin Caroline Sayn-Wittgenstein gut unterrichtet. Am 27. August 1855 schreibt Liszt:
Zwei Tage später, am 29. August, heißt es:
Das Einweihungskonzert wurde auf den 26. September 1855 festgesetzt, und am 22. zeigte sich, daß der Meister mit seinem Präludium und Fuge über den Namen BACH doch nicht rechtzeitig zu Rande kam und stattdessen eine andere Lösung gefunden wurde:
Liszt hat also eingesehen, daß BACH nicht rechtzeitig fertig werden würde, und seinen Schüler Alexander Winterberger dazu gewonnen, statt des neuen Werkes die Fantasie und Fuge über »Ad nos, ad salutarem undam« aus Le Prophète von Meyerbeer zu spielen, die schon seit 1852 im Druck vorlag. Schon am 4. September war Liszt nach Merseburg gefahren, um die nicht fertige Orgel kennenzulernen. Bei dieser Gelegenheit oder spätestens am Vortage der Einweihung hat Liszt das Werk mit Winterberger an der Merseburger Orgel ausprobiert, wobei er die Registrierung selbst anordnete.
In einem Bericht Franz Brendels über das Einweihungskonzert wurde der damals empfundene moderne Charakter der Orgel und ihre Bedeutung als Vorposten eines neuen von Liszt kreierten Orgelstils akzentuiert:
Am 13.Mai 1856 findet dann die Uraufführung von BACH durch Winterberger in Merseburg statt. Wieder bereitete Liszt das Werk zusammen mit dem Organisten in Merseburg vor. Am 23. April 1856 schreibt er an Caroline:
Welche Orgelstücke dies waren, ist unbekannt, und nicht ganz klar ist auch, welche zwei Werke es waren, von denen Liszt am 22. September 1855 sagte, die Merseburger Orgel habe ihn angeregt, solche von gleichem »Kaliber« zu schreiben wie die Prophetenfantasie. Sicher gehört dazu Präludium und Fuge über BACH. War das andere Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen oder Evocation à la Chapelle Sixtine? Alle drei Werke zeigen jedenfalls deutlich die Inspiration durch die Merseburger Domorgel. Bei den Merseburger Konzerten 1855 und 1856 war auch Hans von Bülow anwesend, der in einem Beitrag am 1. Juli 1856 mitteilt, neben der Prophetenfantasie und Nicolais Festouvertüre noch zwei Werke gehört zu haben, nämlich
Nicht eindeutig zu klären ist, worum es sich bei dem zuletzt genannten Werk handelt. Die Transkription aus Bachs Kantate 38 entstand erst 1860, und man könnte sie kaum ein Werk »voll mystisch ergreifenden Geistes« nennen. Dies träfe eher auf die Evocation zu. Könnte Bülow Allegris Miserere mit Aus tiefer Noth bezeichnet haben?
Die Bedeutung der Merseburger Orgel für den Lisztschen Kreis wurde noch dadurch unterstrichen, daß auch die Orgelsonate von Julius Reubke mit diesem Instument verbunden ist. Reubke schrieb die Sonate, »wozu Liszt's Propheten-Phantasie ihm die künstlerische Anregung gegeben hatte«, im Frühjahr 1857 und spielte die Uraufführung im Merseburger Dom am 17. Juni 1857.
Außer Präludium und Fuge über BACH sind also folgende weitere Orgelwerke Liszts ebenfalls unter dem Eindruck der Merseburger Domorgel entstanden oder für sie instrumentiert:
Variationen über »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen«
Evocation à la Chapelle Sixtine
Einleitung, Fuge und Magnificat aus der Symphonie zu Dantes »Divina
Commedia«
(»Bei der Bearbeitung dieses Tonstückes hatten wir
die vorzügliche Merseburger Domorgel von Ladegast im Sinn.«)
Andante religioso
(»Die vorliegende Composition war zunächst
für die berühmte Domorgel von Fr. Ladegast in Merseburg bestimmt,
bei welcher sich durch den Crescendo-Zug die hier angedeuteten Klangnüancen
sehr schön erzielen lassen.«)
Ave Maria
(»Bei der Registrierung dieses Orgelsatzes ist auf die
berühmte Domorgel von Ladegast in Merseburg Rücksicht genommen.«)
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